8. Dezember

Heute habe ich wieder eine Geschichte für euch, also Tee und Kekse holen, eine Kerze anzünden und beim Lesen entspannen 🕯🕯🕯

 

DAS VERGESSENE ENGELSHAAR

copyright: Ulrike Baumann

Spät war es dieses Jahr Winter geworden. An weiße Weihnachten hatte Martin nicht mehr geglaubt. Nun schneite es seit zwei Tagen ununterbrochen. Große dicke Schneeflocken fielen vom Himmel und setzten sich auf die kahl gewordenen Bäume und Sträucher. Die Dächer der Häuser, die Zaunspitzen und der Kirchturm trugen üppige Schneehauben. Straßen, Wege, Wiesen und Felder waren von einer weißen Schneedecke zugedeckt. Von den Dächern und Stromleitungen hingen schwere Eiszapfen. Die Straße ins Tal war zugeschneit und nicht mehr befahrbar. Seit langer Zeit ist es Tradition auf dem Martinshof, einen Tag vor dem Heiligen Abend den Baum, der die weihnachtliche Stube schmücken sollte, aus dem Wald zu holen. Heuer war Lukas, der jüngste Sohn an der Reihe, mit seinem Vater in den Wald zu gehen, um den Christbaum zu schneiden. Lukas freute sich schon sehr. Er konnte es kaum erwarten, mit seinem Vater den Baum aus dem Wald zu holen. Eingepackt in einen warmen Mantel, mit einem dicken Schal um den Hals und die Mütze tief ins Gesicht gezogen, wartete er vor dem Haus auf seinen Vater. Martin holte den Schlitten aus dem Schuppen und die beiden stapften los zum nahe gelegenen Jungwald. Der tiefe Schnee machte ihren Weg mühsam und beschwerlich. Lukas war müde geworden. Martin setzte den Kleinen auf den Schlitten und zog ihn hinter sich her. Nach einer Weile fragte Lukas. „Du Papa, wann kommt das Christkind und schmückt unseren Baum?“ „Einmal musst Du noch schlafen, Lukas, dann kommt das Christkind.“ „Wenn Du brav gewesen bist“, fügte Martin noch hinzu. „Das warst Du doch?“ „Ja“, antwortete Lukas. Er hoffte jedoch insgeheim, dass das Christkind seinen letzten Dummejungenstreich nicht ganz genau gesehen hatte. Endlich waren die beiden beim Jungwald angekommen. Martin ließ seinen prüfenden Blick über die Bäume schweifen. „Nehmen wir diese hier, Lukas“, fragte er seinen Jungen und zeigte auf eine schöne und gleichmäßig gewachsene junge Tanne. „Ja, die ist schön. Und mit dem Engelshaar wird sie ganz besonders schön aussehen. Du Papi – schneiden sich die Engel wirklich die Haare ab, und hängen es auf den Baum?“ „Wie schnell wachsen die Haare der Engel eigentlich?“ Lukas liebte Engelshaar. Er war fasziniert davon, dass die Engel ihr Haar abschnitten, um damit die Weihnachtsbäume der Menschen zu schmücken. Jedes Jahr, wenn endlich der Baum geschmückt in der Stube stand, die Kerzen brannten und das Glöckchen mit zartem Klang die Kinder aufforderte in die Stube zu treten, ging Lukas als erstes zum Baum und berührte das glitzernde Engelshaar. Dann dankte er ganz still den Engeln droben im Himmel, für ihr feines, seidiges Haar welches den Baum so zart und wunderschön machte. „Oh Gott – das Engelshaar.“ „Martin, vergiss das Engelshaar nicht“, hatte ihm seine Frau noch zugerufen, als er noch vor dem Wintereinbruch ins Tal fuhr, um in der nahe gelegenen Stadt alles Notwendige für das Weihnachtsfest zu besorgen. Er hatte es doch glatt vergessen. Da die Straße durch den vielen Schnee unbefahrbar war, konnte er nicht mehr ins Tal hinunter fahren, um welches zu besorgen. Was wird Lukas sagen, wenn es heuer kein Engelshaar auf dem Weihnachtsbaum gibt. Aus den Augenwinkeln betrachtete Martin seinen Sohn, der mit von der Kälte geröteten Backen auf dem Schlitten saß und mit leuchtenden Augen vom Engelshaar sprach. Er schnitt den Baum, schüttelte den Schnee ab und packte ihn auf den Schlitten. Da es schon dämmrig geworden war, mussten sie sich beeilen um noch vor Einbruch der Dunkelheit auf dem Martinshof zurück zu sein. Zu Hause wartete schon die Mutter mit heißem Tee, der nach Nelken und Zimt duftete und mit süßen Keksen auf die beiden. Abends in der Schlafstube sagte Martin zu seiner Frau: „Du Sofie, ich habe das Engelshaar vergessen. Was wird wohl Lukas sagen, wenn es kein Engelshaar auf dem Weihnachtsbaum gibt.“ „Es wird uns schon etwas einfallen“, sagte Sofie. „Wir sagen ihm einfach, die Engel tragen jetzt Kurzhaarfrisuren, und daher gibt es heuer kein Engelshaar.“ „Eine dumme Ausrede“, meinte Martin, aber es fiel ihm auch nichts Besseres ein. Er konnte lange nicht einschlafen. Er sprach er ein stilles Gebet und hoffte, dass es morgen am Heiligen Abend keine allzu große Enttäuschung für Lukas sein würde, wenn das Engelshaar am Christbaum fehlt. „Du Papa, darf ich noch ein wenig bei Dir kuscheln“. Es war Lukas, der vor Aufregung nicht mehr schlafen konnte. Martin schlug die Decke zur Seite und Lukas kuschelte sich in seinen Arm. „Du Papa – ich habe einen Engel gesehen.“ „Wann?“ „Heute morgen.“ „Wo?“ „Er saß in der Küche und schnitt sich die Haare ab.“ Martin lächelte. „Du hast geträumt mein Sohn.“ „Nein Papa – ich habe es wirklich gesehen. Aber ich musste mich verstecken, dass mich der Engel nicht sehen konnte – sonst hätte er sein Haar ja doch wieder mitgenommen.“ Bevor Martin noch etwas sagen konnte, war Lukas wieder eingeschlafen. Der Wecker klingelte am Morgen wieder mal viel zu früh. „Wir müssen aufstehen“, sagte Martin. „Wir haben noch jede Menge zu tun. Und du Lukas, geh und hilf Deinen Schwestern im Stall. Die Kühe müssen gefüttert und gemolken werden – auch am 24. Dezember.“

Martin trug den frisch geschnittenen Baum in die Stube. Dann stieg er auf den Dachboden, um die Schachtel mit dem Weihnachtsschmuck zu holen. Sie war weg. Er durchsuchte den ganzen Dachboden – konnte sie jedoch nicht finden. „Sofie, hast Du den Weihnachtsschmuck schon vom Dachboden heruntergeholt?“ „Nein, sie muss noch auf dem Dachboden sein.“ „Dort ist sie nicht mehr. Ich habe jede Ecke durchsucht.“ Martin war verzweifelt. In wenigen Stunden war Bescherung. Es war doch schon schlimm genug, dass es kein Engelshaar gab. Und jetzt war auch noch der Weihnachtsschmuck verschwunden. „Komm – hilf mir Brennholz vom Schuppen zu holen, sonst kann ich nicht kochen“, bat Sofie ihren Mann. Als sie vom Schuppen zurückkamen staunten sie nicht schlecht. Der Baum in der Stube leuchtete und glänzte. Über und über mit schönem Schmuck, süßen Leckereien und seidig glänzendem Engelshaar behängt. Auf der Spitze saß ein kleiner Engel aus Salzteig, den Martin noch nie gesehen hatte. Ihm schien es, als ob ihm der Engel zuzwinkerte. „Lukas, Julia, Anna, kommt schnell, das Christkind war da“, rief Sofie. Die Kinder betraten mit großen Augen die leuchtende Stube. Lukas ging zum Baum, berührte zart das Engelshaar. Dann blickte er zu Martin und sagte: „Habe ich Dir nicht gesagt, dass ich einen Engel gesehen habe, der sein Haar geschnitten hat.“ Er blickte hinauf zum Engel auf der Spitze des Baumes und flüsterte leise. „Danke lieber Engel.“

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