17. Dezember

Heute habe ich wieder eine Adventgeschichte für euch. Macht es euch gemütlich und entspannt euch ein Weilchen bei Kerzenschein und Lesen

BEGEGNUNG MIT DER ADVENTZEIT (copyright: Ulrike Baumann)

Marie zog die Kapuze ihrer Jacke tiefer ins Gesicht. Es was kalt geworden, der Himmel streute dicke Schneeflocken über die schlafenden Felder und kahl gewordenen Bäume. Die Dächer der kleinen Häuser sahen aus wie mit Staubzucker bestreute Baumkuchen. Schnellen Schrittes folgte Marie dem schmalen Weg, der von der Straße hinauf durch den Wald zu den Bahngeleisen führte. Die klirrend kalte Winterluft einzuatmen löste ein wenig ihre innere Unruhe nach einem wieder einmal sehr hektischen und stressreichen Tag. Die nackten Füße in den dünnen Lederstiefeln schmerzten, die klammen Finger erwärmten sich nur langsam in den Jackentaschen. Am Morgen hatte Sie ein kleines Flugblatt zwischen den Scheibenwischern ihres Autos gefunden. Darauf stand zu lesen, dass heute Abend neben dem Haus des Streckenwärters Adventpunsch ausgeschenkt wurde. Die Idee, sich von einem heißem Punsch aufwärmen zu lassen und einen anstrengenden Tag entspannt ausklingen zu lassen, fand Marie gar nicht so schlecht. Der Duft von Zimt, Honig, Orangen und Gewürznelken schob sich sanft zwischen den dichten Schneeflocken hindurch und umspielte Maries kalte Nase. Schon konnte Sie das Stimmengewirr und Lachen der Menschen hören. Es waren nur mehr wenige Meter bis zum Häuschen des Streckenwärters. „Schon einen Adventkalender zu Hause“, hörte Marie plötzlich eine wohltönende Stimme aus der Dunkelheit. Etwas erschrocken blickte sie auf und sah sich um. Unter der alten Straßenlaterne neben dem Haus des Streckenwärters hockte ein alter Mann im Schnee. In seinem wirren, struppigen Bart hatten sich Schneekristalle eingenistet. Um den Hals hatte er einen handgestrickten bunten Schal gebunden. Auf seinem Gesicht trug er ein Lächeln, das Hoffnung und Zufriedenheit ausstrahlte. Um sich herum waren Gegenstände ausgebreitet, die Marie aus der Entfernung nicht erkennen konnte. Sie trat einige Schritte näher und sah, dass es Adventkalender waren. Sie sahen aus wie kleine Häuschen, liebevoll aus Holz gearbeitet, mit 24 winzigen Fenstern. Die Fensterläden trugen mit Gold eingelegte Ziffern. Aus dem Rauchfang zog zarter Rauch. Jedes einzelne Häuschen war ein kleines Kunstwerk. Der Mann hielt Marie eines der Häuschen hin und meinte: „Sieh es dir nur ruhig an, öffne einfach ein Fenster nach dem anderen, und Du wirst überrascht sein.“ Marie war neugierig geworden. „Was kostet so ein Adventkalender“, fragte sie.

„Die Kalender sind nicht zu verkaufen“, antwortete der Alte. „Aber wenn sie dir gefallen, dann schenke ich Dir einen.“ Der Duft des Punsches schwebte verlockend an Maries Nase vorbei, trotzdem beschloss sie, sich diese Adventkalender etwas näher anzusehen. Sie entschied sich für ein rotes Häuschen mit blauen Fensterläden, drehte es hin und her und suchte das Fenster mit der „eins“, gespannt, was wohl dahinter verborgen sein würde. „Um hineinzugehen, musst Du schon die Türe öffnen“, sagte der alte Mann. Die weiße Tür des Häuschens war kunstvoll geschnitzt und mit zwei Weihnachtskränzen mit roten Maschen geschmückt. Marie öffnete vorsichtig die Türe. Sie hörte ein leises Glockenspiel und stand auf einmal mitten in dem Häuschen. „Schön, dass Du da bist, Marie“. Der alte Mann kam ihr entgegen. Den bunten Schal hatte er abgelegt, und die Schneekristalle in seinem Bart waren nur mehr kleine Wassertröpfchen. Marie war zu überrascht und brachte kein Wort heraus. Es war irgendwie unheimlich, dass dieser alte Mann, der noch gerade eben auf einem Schneehaufen unter der Laterne saß, ihr hier in diesem Häuschen begegnete und auch ihren Namen kannte. Sie zwickte sich in ihr rechtes Ohrläppchen. Es tat weh – also träumte sie nicht. „Darf ich Dich ein wenig herumführen, und Dich auf ein Glas Punsch einladen?“, fragte der alte Mann freundlich. „Ja, gerne – ich bin ziemlich durchgefroren.“ Er nahm Marie bei der Hand und führte sie in ein gemütliches Wohnzimmer. Kleine Lämpchen auf den Fensterbrettern tauchten die Stube in ein warmes, heimeliges Licht. Marie fühlte, wie auf einmal all die Schwere des Tages von ihr abfiel. All die Hektik und der Stress der letzten Wochen waren vergessen. Die Gedanken an unerledigte Arbeiten und unangenehme Dinge waren auf einmal verschwunden, und sie fühlte, wie Ruhe und Frieden in ihr Herz einkehrten. Ein offener Kamin in der Zimmerecke strömte wohlige Wärme aus. Die Holzscheite verbreiteten angenehmen Wacholderduft und prasselten leise vor sich hin. „Komm setz Dich hin“, sagte der alte Mann und stellte ein großes Glas heißen, herrlich duftenden Punsch vor Marie auf den Tisch. Marie fühlte sich richtig wohl. Der Punsch erwärmte ihre Seele und ihren Körper. Sie genoss die Wärme und die Gemütlichkeit, die dieses Haus ausströmte. Sie nahm einen Schluck des köstlichen warmen Getränkes und fragte den Alten: „Wer bist Du eigentlich? Ich habe Dich hier noch nie gesehen.“ „Ich bin die Adventzeit“, antwortete dieser, „und ich bin hergekommen, um die Menschen wieder erfahren zu lassen, dass diese Zeit eine Zeit der Einkehr und der Stille, aber auch der Vorfreude und der Erwartung ist. Unsere Seelen müssen Zeit und Raum zum Innehalten und zum Entspannen haben. Wir sollten diese Zeit nützen, um über das Leben nachzudenken und uns auf das zu besinnen, was wirklich wichtig ist. Seit langem schon, haben die Menschen auf dieser Welt den ursprünglichen Sinn der Adventzeit vergessen. Sie sind orientierungslos geworden, vor Hektik und Stress nehmen sie sich keine Zeit mehr, ein wenig in die Besinnung einzutauchen. Sie haben den Mut verloren, Gefühle offen zu legen. Liebe und Güte ist zur Mangelware in unserer Gesellschaft geworden. Jeder will möglichst viel besitzen und erreichen und erhofft sich davon Sicherheit und Zufriedenheit. Aber oft ist das Gegenteil der Fall – es macht sich dadurch noch mehr Unzufriedenheit breit. Die Menschen müssen wieder lernen, die Zeit des Advents nicht unnütz vorübergehen zu lassen und darüber nachzudenken, dass sie selbst nicht das Zentrum des Universums sind, sondern dass sie alle gemeinsam für dieses Universum eine Verantwortung tragen.“ Still und aufmerksam lauschte Marie den Worten des alten Mannes. Wie Recht er doch hatte. Sie wünschte sich, dass die ganze Welt, diese Worte vernommen hätte. „Warum hast Du gerade mich gefragt, ob ich mir einen von Deinen Adventkalendern ansehen möchte?“ Der alte Mann schmunzelte. „Weil ich weiß, dass meine Worte bei Dir nicht ungehört verhallen, sondern weil Du mir ganz bestimmt helfen wirst, diese zu den Menschen zu tragen, und die Welt dadurch ein klein wenig besser zu machen.“ „Du kannst Dich auf mich verlassen, ich werde Dir ganz bestimmt dabei helfen.“ Marie berührte voll Dankbarkeit den Arm des alten Mannes. Das Feuer im offenen Kamin war heruntergebrannt und die Reste des Wacholderholzes glühten nur mehr leicht vor sich hin. Es hatte zu schneien aufgehört. Das Licht der einsamen Laterne neben dem Streckenwärterhaus flackerte nur mehr ganz schwach. Der alte Mann mit den Adventkalendern war verschwunden. In ihren Händen, die ganz warm waren, hielt Marie das kleine rote Häuschen aus Holz mit den 24 Fenstern. Die kleinen blauen Fensterläden waren geschlossen. Aus dem kleinen Rauchfang stieg kein Rauch mehr. Es war Zeit, nach Hause zu gehen. Marie nahm die Worte des alten Mannes in ihrem Herzen mit sich und spürte, dass diese Adventzeit eine ganz wundervolle sein wird.

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